Leseprobe aus "Das Lied der roten Erde"


5. Kapitel (Auszug)


Es war Nachmittag, die heißeste Zeit des Tages in diesem Spätsommer. Der März hatte noch nicht die ersehnte Abkühlung gebracht, die Veranda lag in der glühenden Sonne es war viel zu heiß, um sich dort aufzuhalten. Moira saß mit Ann in der Wohnstube und sehnte sich nach der leichten Meeresbrise, die in Sydney wenigstens etwas Erfrischung gebracht hatte. Die Fenster waren geöffnet, die hellen Gardinen zugezogen.

Ann hatte einen Berg Wäsche vor sich und flickte mit Hingabe ein Loch in McIntyres Hemd. Sie brachte dem Doktor eine fast abgöttische Verehrung entgegen. Obwohl sie noch immer zusammenzuckte, wenn er den Raum betrat, versuchte sie, seine Wünsche zu erfüllen, noch bevor er sie ganz ausgesprochen hatte. Wenn sie das Essen auftrug, suchte sie ihm das saftigste Stück Fleisch, die größte Scheibe Brot heraus, und seiner Kleidung ließ sie eine besonders sorgfältige Pflege angedeihen.

Auch Moira war mit einer Handarbeit beschäftigt. Sie bestickte lustlos ein Kissen, um überhaupt etwas zu tun zu haben. Der Stoff fühlte sich unter ihren Händen unangenehm warm und feucht an, und die Nadel klebte ihr an den Fingern. Als sie gerade einen neuen Faden einfädeln wollte, hörte sie von draußen eine männliche Stimme; Wilkins, einer der Aufseher. Gleich darauf pochte es an der Tür. Es war selten genug, dass jemand zu ihnen kam, und sie musste sich zurückhalten, nicht sofort aufzuspringen, um zu öffnen. Dafür hatten sie schließlich Ann, auch wenn diese bloß furchtsam aufsah und nur durch einen Wink von Moira dazu zu bewegen war, zur Tür zu gehen.

Ann kam schnell zurück, knickste und murmelte etwas. Noch immer war ihre Stimme so leise, dass Moira Mühe hatte, sie zu verstehen.

"Wie bitte? Ann, sprich lauter!"

"Ma'am, ein ... ein verletzter Sträfling braucht die Hilfe von Dr. McIntyre. Er hat sich ins Bein gehackt."

Moira trat einen Schritt ans Fenster und schob unauffällig die Gardine zur Seite. Vor der Veranda standen drei Männer der Aufseher und zwei Sträflinge. Um den Unterschenkel des einen war ein blutiger Fetzen gewickelt. Den anderen, der ihn stützte, erkannte Moira sofort wieder: Es handelte sich um den jungen Sträfling, der ihr schon auf der Minerva aufgefallen war.

"Ich gebe dem Doktor Bescheid", sagte sie zu Ann und ließ die Gardine langsam sinken. Wieso war sie plötzlich nur so kurzatmig, als wäre sie gerannt?

McIntyre war in seinem Studierzimmer. Moira klopfte, hörte das Rascheln von Papier, dann öffnete er. Seine Augen hinter dem Drahtgestell seiner Brille blinzelten. Abgestandene, warme Luft schlug ihr entgegen. Was trieb er nur den ganzen Tag in diesem engen, ungelüfteten Raum?

"Ihr habt einen Patienten", erklärte sie. "Einen Sträfling."

McIntyre nickte, verschloss die Tür von außen und zog den Schlüssel ab. Er ging vor und öffnete die Tür zum Behandlungszimmer, dann trat er auf die Veranda. Moira blieb in der Haustür stehen.

Drei Augenpaare wandten sich ihnen zu. Der Verletzte hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten und stützte sich schwer auf seinen Gefährten. Beide waren mit gelblichem Staub bedeckt, durch die der Schweiß Rinnen zog, und trugen mit einer kurzen eisernen Kette verbundene Handfesseln.

"Was ist passiert?", fragte McIntyre und kämpfte mit einem Knopf, der sich an seiner Weste geöffnet hatte.

Aufseher Wilkins, ein kahlköpfiger, vierschrötiger Mann, deutete auf den Verletzten. "Sir, Henderson war so dämlich und hat sich die Hacke ins Bein geschlagen. Ich hoffe, Ihr bekommt ihn wieder hin." Er wandte sich an den Verwundeten. "Falls du glaubst, so der Arbeit zu entgehen, dann hast du dich getäuscht, du nichtsnutziger Bastard!"

"Es war ein Unfall", wandte der andere Sträfling ein. "Er hat nur "

"Wer hat dir erlaubt zu reden?", fuhr ihn der Aufseher an und hob seinen Schlagstock. Moira holte erschrocken Luft.

"Nicht in meinem Haus!", ging McIntyre streng dazwischen. "Bringt lieber den Verletzten hinein."

"Ich? Nein, Sir, ich mache mir doch nicht die Hände an diesem Abschaum schmutzig. He, O'Sullivan, schaff ihn rein! Und dann sofort wieder raus mit dir!"

Moira trat einen Schritt zur Seite, damit O'Sullivan seinen humpelnden Kameraden ins Haus bringen konnte. Als er eintrat, schlug ihr der Geruch von Holz, Erde und frischem Schweiß entgegen, und sie hatte den Eindruck, als würde er einen winzigen Moment zögern, bevor er an ihr vorüberging. McIntyre und der Aufseher folgten ihnen.

Moira kehrte zurück in die Wohnstube und stand einige Augenblicke gedankenverloren im Raum. Ihre Handarbeit lag achtlos auf einem Stuhl, und sie hatte so gar keine Lust weiterzusticken. Sie hörte Schritte auf der Veranda, lugte an der ein wenig zur Seite geschobenen Gardine vorbei nach draußen und zuckte zusammen, als der Aufseher O'Sullivan einen Hieb mit dem Schlagstock verpasste, der diesen mit einem dumpfen Laut in die Knie gehen ließ.

"Wage es nicht noch einmal, mir zu widersprechen!", blaffte Wilkins und öffnete die eiserne Handfessel des Sträflings. Er legte O'Sullivans Hände um einen der hölzernen Pfeiler der Veranda und schloss die Fessel. Dann ging er zurück ins Haus.

Moira trat ihm im Flur entgegen. "Wollt Ihr den Mann wirklich da angekettet lassen?"

Der Aufseher deutete ihren besorgten Blick falsch. "Keine Angst, Madam, er kann Euch nichts tun. Ich würde mich ja gerne selbst für Euren Schutz verbürgen, aber der Doktor braucht mich."

Damit verschwand er im Behandlungszimmer.

Moira sah erneut nach draußen. Die Hitze war fast greifbar, und ließ die Luft flimmern. O'Sullivan saß auf der obersten Treppenstufe, die gefesselten Hände um den Pfosten gelegt. Angekettet wie ein Tier. Es gab keinen Schatten dort, nicht der kleinste Hauch bewegte seine dunkelbraunen Haare, die ihm verschwitzt ins Gesicht hingen. Dreck und Schweiß bildeten einen schmutzigen Saum um seinen Hemdkragen.

"Ann? Ann, wo bist du?" Sie fand sie in der Küche. "Ann, füll ein Glas mit Wasser und gib es dem Mann dort draußen."

Ann sah sie an, ihre Augen wirkten riesengroß in ihrem blassen Gesicht. "Oh, Ma'am, bitte, das ... das kann ich nicht!"

Moira seufzte auf. Sie ließ dem Mädchen zu viel durchgehen. Aber bevor sie Ann erst mühsam davon zu überzeugen suchte, dass ihr von einem gefesselten Sträfling keine Gefahr drohte, hatte sie es selbst zehnmal schneller erledigt. Und so füllte sie einen Becher mit kühlem Wasser aus einem Krug.

Als sie auf die Veranda trat, hob der Sträfling den Kopf und machte Anstalten aufzustehen, wurde jedoch sofort von seinen Fesseln gebremst.

"Bleibt sitzen", sagte Moira, unerwartet befangen. Sie beugte sich hinunter und reichte ihm den Becher. "Hier. Etwas zu trinken."

Die Glieder der kurzen Kette klirrten, als er mit der rechten Schulter näher an den Pfeiler rückte und den Ellbogen darum legte, um den Becher in Empfang zu nehmen.

"Danke, Miss." Er schien verwundert über ihre Fürsorge.

"Mrs", berichtigte Moira. "Mrs McIntyre. Der ... der Doktor ist mein Ehemann."

Wieso hatte sie das Bedürfnis, diesen Sachverhalt zu erklären? Und was war es, das da in diesen dunkelgrünen Augen aufblitzte? Erstaunen? Bedauern?

Er neigte den Kopf und senkte seinen Blick wieder. "Ihr seid sehr freundlich, Mrs McIntyre." Seinem Tonfall nach kam er aus der Gegend von Waterford.

"Ich tue nur meine Christenpflicht."

Aus dem geöffneten Fenster des Behandlungszimmers hörte sie den verletzten Sträfling schmerzerfüllt aufschreien. Moira blickte nicht einmal auf. Inzwischen hatte sie sich an diese Geräusche, die mit der Arbeit eines Arztes einhergingen, gewöhnt. Sie trat einen Schritt zurück und sah zu, wie O'Sullivan trank, beide Hände mit den gefesselten Handgelenken um den Becher gelegt gierig wie jemand, der lange nichts mehr bekommen hatte. Als er fertig war, nahm sie den Becher wieder in Empfang.

Wahrscheinlich lag es an der Hitze, dass ihr die ganze Situation so unwirklich erschien, aber sie hatte das Gefühl, als würde sein Blick sich direkt in ihr Inneres brennen. Wie loderndes Feuer. Dunkelgrünes Feuer. Ein eigenartiges Ziehen breitete sich in ihrem Unterleib aus, ganz und gar nicht unangenehm. Schweiß sammelte sich auf ihrer Oberlippe, sie schmeckte Salz, als sie darüberleckte. Ihr Herz schien plötzlich langsamer, aber um so kräftiger zu schlagen, sie konnte den Puls in ihren Fingerspitzen spüren.

Der Becher war leer, es gab keinen Grund, sich noch länger hier aufzuhalten. Dennoch zögerte sie. Sie hätte gern mit dem Gefangenen geredet, ihn gefragt, ob er eine Familie hatte, die zu Hause auf ihn wartete, ob

"Ma'am?" Ann erschien in der Tür und warf dem Sträfling einen angstvollen Blick zu. "Ich bin fertig mit der Wäsche. Soll ich jetzt den Boden wischen?"

"Was? Nein, Ann, das kann warten." Moira kam sich vor, als habe Ann sie bei etwas Verbotenem ertappt. Hocherhobenen Hauptes wandte sie sich um und ging mit dem Mädchen zurück ins Haus, während sie der Versuchung widerstand, sich noch einmal umzudrehen. Sie wusste, dass er ihr nachsah.