Leseprobe aus "Im Herzen der Koralleninsel"


3.


Kristallklares Meerwasser schwappte mit leisem Klatschen an
den Rumpf des langen, schmalen Kanus. Isabel versuchte, sich
so wenig wie möglich zu bewegen, um keine Unruhe in das
Boot zu bringen, in dem sie nah an der Küste entlangfuhren.
Bruder Lorenz, der ihr gegenübersaß, lächelte ihr beruhigend
zu - zumindest vermutete sie das, denn unter dem Gestrüpp
von Haaren, das seine untere Gesichtshälfte umgab, konnte sie
seinen Mund kaum erkennen.

"Keine Sorge, Schwester Maritz", sagte er. "Sie sind hier so
sicher wie in Abrahams Schoß. Jeffari ist ein guter Kanufahrer."
Isabel lächelte etwas gequält zurück. Als sie sich
entschieden hatte, die Missionsstation zu besuchen, war sie
davon ausgegangen, dies auf dem Landweg zu tun. Simbang
lag schließlich nur wenige Kilometer von Finschhafen entfernt.
Bruder Lorenz hatte sie allerdings darüber aufgeklärt, dass der
Wasserweg schneller und bequemer sei. Sie konnte sich
gerade selbst davon überzeugen: Dichtes Gebüsch wuchs fast
überall bis nah ans Wasser, und der Weg, den sie manchmal im
grünen Dickicht erblickte, war zum Teil überwuchert von
Ranken und Schlingpflanzen.

Zumindest machte das Kanu trotz seiner geringen Größe
einen recht stabilen Eindruck, und der Ausleger an einer Seite
mochte hoffentlich verhindern, dass es kippen würde. Isabel
konnte den dunkelbraunen, schweißglänzenden Rücken des
vielleicht fünfzehnjährigen Jeffari sehen, der unbeirrt paddelte.
Über ihm schwang ein kleines, aus Blättern geflochtenes Segel
im leichten Wind.
Neben Bruder Lorenz saß noch ein zweiter Junge, ungefähr
drei Jahre jünger als Jeffari. Er hatte offensichtlich Mühe, Isabel
nicht gar zu unverhohlen anzustarren.

"Sabiam, unser Hausjunge", hatte Bruder Lorenz ihn
vorgestellt, als er mit ihr zum Landungssteg von Finschhafen
gegangen war, wo die beiden Jungen mit dem Kanu gewartet
hatten. "Er spricht ein paar Worte Deutsch - wenn auch bei
weitem nicht so viel, wie er sollte. Sabiam, sag guten Tag zu
Schwester Maritz."

"Guten Tag, sista", murmelte der Junge fast unhörbar.

"Guten Tag, ihr beiden. Nem bilong mi emi Isabel Maritz",

stellte sie sich den zwei Knaben daraufhin in stockendem
Pidgin vor.

Bruder Lorenz hob erstaunt die Brauen. "Schwester Maritz,
was höre ich! Wie herrlich, dass Sie bereits ein wenig Tok Pisin
sprechen! Das wird Ihnen so manches erleichtern."

Sabiam hatte verschämt gegrinst und seine Füße
angesehen, bis Bruder Lorenz zum Aufbruch gerufen hatte.

"Sehen Sie nur, wie wundervoll hier alles ist?", fuhr dieser
nun in seiner Lobeshymne auf die einheimische Flora fort. "Die
herrliche Natur, die Wärme, das klare Wasser? Es kommt
einem doch geradewegs so vor, als habe Gott hier den Garten
Eden geschaffen und schon ein paar braune Menschenkinder
hineingesetzt."

Isabel nickte zaghaft. In ihrem Magen saß ein Kloß, und sie
blickte angestrengt in Richtung Land, um nicht ständig daran
denken zu müssen, dass nur ein dünner Holzboden sie von den
Fluten des Pazifik trennte. Die Vorstellung, hier ins Wasser zu
fallen, ängstigte sie, und krampfhaft hielt sie sich mit beiden
Händen an ihrer Reisetasche fest. Im Gegensatz zu den
meisten ihrer Altersgenossen hatte sie nie in einem der
Flussschwimmbäder ihrer Heimat schwimmen gelernt. Anfangs
hatten es die Schienen an ihren Beinen verhindert, und später
hatte die Mutter ihr davon abgeraten. Eine Frau müsse nicht
unbedingt schwimmen können, hatte sie stets gesagt.

"Schauen Sie", sagte Bruder Lorenz und deutete aufs offene
Meer, wo Isabel ein großes Kanu mit rechteckigem Segel
erblickte. "Das sind die Seefahrer der Insel Tami. Sie kommen
oft zum Handeln nach Simbang. Die Mission denkt darüber
nach, auf Tami eine Zweigstation zu errichten."

Nicht weit davon entfernt tuckerte eine Dampfpinasse. Die
Weite des Ozeans in Verbindung mit dem schwankenden Kanu
ließ Isabel schwindeln. Schnell drehte sie den Kopf wieder zum
Land.

Entlang der Küste erblickte sie überall dasselbe Bild: Ein
schmaler Strand, an dem sich Bananenpalmen mit mächtigen
Blättern im Wind bogen, dichter Dschungel und dahinter
bewaldete Hänge, hinter denen sich weitere, höhere
Hügelketten erhoben. Es kam ihr wie eine halbe Ewigkeit vor,
dabei konnte höchstens eine gute Stunde vergangen sein, als
ein Fluss eine Bucht in die Küste schnitt und Jeffari das Kanu
an Land steuerte. An der Flussmündung lagen das Dorf und die
nach ihm benannte Missionsstation Simbang. Nahe am Strand,
der hier etwas breiter war, standen die Häuser der Missionare,
wie Bruder Lorenz ihr erklärte - einfache Hütten aus Holz,
Palmwedeln und Flechtwerk, zum Schutz vor dem Wasser auf
einen Meter hohe Stelzen gebaut. Jeffari und Sabiam sprangen
ins gut knietiefe Wasser und zogen gemeinsam das Kanu an
Land, dann halfen sie den beiden Weißen aus dem Boot.
Isabels Schuhe versanken in feinem hellem Sand, der Geruch
von Fisch, Rauch und feuchtem Grün lag in der Luft.

Ihre Ankunft war nicht unbemerkt geblieben: Eine Gruppe
von Eingeborenen hatte sich am Strand versammelt und
scharte sich um sie. Die Männer waren höchstens so groß wie
Isabel, die Frauen kleiner. Alle trugen sie einen kurzen Pflock
durch die Nase. Isabel sah viel kaffeebraune, nackte Haut, bei
den Männern verhüllt von einem roten Lendentuch, bei den
Frauen von raschelnden, knielangen Baströckchen, blickte in
dunkle, unbewegte Gesichter, denen keine Regung anzusehen
war, und wäre am liebsten im Boden versunken. Diese vielen
Menschen schüchterten sie ein - in Finschhafen hatte sie nur
einzelne Einheimische gesehen, wo diese fast wie Fremdkörper
inmitten all der weißen Europäer gewirkt hatten. Hier in
Simbang kam sie sich selbst wie ein Fremdkörper vor, und als
könnte sie sich dahinter verstecken, presste sie ihre
Reisetasche wie zum Schutz an sich. Ihr restliches Gepäck
hatte sie bei Herrn von Faber gelassen.

"Haben Sie keine Angst, Schwester Maritz", erklärte Bruder
Lorenz ihr und nickte freundlich hierhin und dorthin. "Sie sind
nur neugierig. Diese Menschen haben kaum jemals eine weiße
Frau gesehen."

Isabel versuchte sich an einem vorsichtigen Lächeln, und
tatsächlich: Eine der Frauen, die wie alle anderen bloße Brüste
zur Schau stellte und ihr krauses Haar kurzgeschoren trug,
entblößte rötliche, betelsaftgefärbte Zähne und lächelte zurück.
Dennoch atmete Isabel auf, als sie unter all den dunklen,
fremden Gesichtern ein europäisches entdeckte. Bruder
Laumer, wie er sich ihr sogleich vorstellte, trug wie Bruder
Lorenz einen langen Bart, war aber von weitaus kräftigerer
Statur, und sein Gesicht über der haarigen Manneszierde
strahlte rosige Freundlichkeit aus. Isabel schätzte ihn auf Mitte
dreißig.

"Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Schwester Maritz",
sagte er, während er Isabels Hand herzlich schüttelte. Bei
seinem vertrauten fränkischen Dialekt fühlte sie sich gleich
heimisch. "Und ich soll Ihnen ausrichten, dass Bruder Schwarz
es bedauert, nicht zu Ihrer Begrüßung kommen zu können. Er
leidet heute sehr unter dem Wechselfieber. Aber morgen geht
es ihm bestimmt wieder besser."

"Oh, ja, das hoffe ich doch. Richten Sie ihm bitte meine
besten Genesungswünsche aus."

Ein wenig abseits der übrigen Dorfbewohner drängte sich
eine Gruppe dunkelhäutiger Halbwüchsiger. "Das sind unsere
Kostschüler", erklärte Bruder Laumer, der Isabels Blick bemerkt
hatte. "Jetzt, am Nachmittag, haben sie keinen Unterricht,
dennoch hat jeder hier seine Aufgabe." Er klatschte in die
Hände und rief etwas in einer fremden Sprache, woraufhin die
Schüler sich zögernd zerstreuten.

Die beiden Missionsbrüder ließen es sich nicht nehmen,
Isabel herumzuführen, während Sabiam hinter ihnen herlief und
ihre Reisetasche trug. Auf Isabels Vorschlag, die Tasche
irgendwo unterzustellen, schüttelte Bruder Lorenz den Kopf.

"So gern wir unsere braunen Brüder auch haben, man muss
aufpassen wie ein Haftelmacher, will man nicht von ihnen
bestohlen werden. Diese Naturkinder haben wie wir ihre Licht-
und Schattenseiten. Sie wissen sehr gut, dass Stehlen unrecht
ist, und doch tun sie es immer wieder. Sie glauben ja nicht,
Schwester Maritz, wie oft schon etwas aus unserer Vorratshütte
entwendet wurde. Seit einigen Monaten haben wir deshalb ein
Schloss davor. Aber kommen Sie, lassen Sie sich unsere
bescheidene Mission zeigen."

Im Vergleich zu Finschhafen mit seinen Straßen, Häusern,
der Poststation und der Speiseanstalt sah Simbang noch
reichlich wild und ursprünglich aus. Hohe Palmen und
Schraubenbäume erhoben sich zwischen den drei, nein, vier
palmgedeckten Pfahlhäusern am Rand einer dem Urwald
abgetrotzten Lichtung. Gegenüber, auf der anderen Seite der
Lichtung, stand ein weiteres Gebäude aus Holz; die Schule mit
den Schlafgelegenheiten für die Kostschüler, wie ihr Bruder
Laumer erklärte. Die Kirche, nur wenige Schritte daneben, war
ein einfacher Bau aus einem Holzgerüst, das man mit
geflochtenen Matten umkleidet hatte. Das Dach war mit
getrocknetem Gras gedeckt.

Ein lautes Zetern drang durch das auf- und abschwellende
Meeresrauschen und den Wind, der durch die Baumwipfel
strich. Isabel hob den Kopf.

Nein, das war kein Zetern, da rief jemand ihren Namen! Ja,
jetzt konnte sie es ganz deutlich verstehen: "Isa! Isa!" Es klang
krächzend, wie jemand, der heiser oder stark erkältet war.

Ihr Herz tat einen Sprung, und für einen kurzen,
schwirrenden Moment glaubte, hoffte sie, die Nachricht von
Conrads Tod sei falsch gewesen, und er würde soeben aus
einer der Hütten treten und sie ...

Es war natürlich nicht Conrad. Auf dem Wedel einer
Bananenpalme ganz in ihrer Nähe saß ein schneeweißer
Kakadu, dessen Kopf ein hellgelbes Federbüschel schmückte.
Und aus seinem gekrümmten Schnabel kam immer wieder:
"Isa! Isa!"

"Sehen Sie, Schwester Maritz", Bruder Lorenz deutete auf
den Vogel, "das ist Koki. Bruder Felby hat ihn aufgezogen und
ihm einige Worte beigebracht."

"CooooRRad", machte der Vogel jetzt wie zur Bestätigung.
"CooooRRad! Isa! Isa! Guten Tag!"

Isabel wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Der
sprechende Vogel war lustig, aber die Vorstellung, dass Conrad
ihm ihren Namen beigebracht hatte, erfüllte ihr Herz mit Trauer.
Wieder musste sie an sein Grab denken, das sie vor zwei
Tagen besucht hatte, der niedrige Grabhügel bereits von einem
feinen moosigen Flaum bedeckt. Danach hatte sie eine
seltsame Unruhe gepackt, bis sie beschlossen hatte, nach
Simbang zu gehen. Sie musste endlich wissen, wo Conrad
gelebt und gearbeitet hatte, wollte den Ort sehen, der fast ihre
Heimat geworden wäre. Herr von Faber und seine Schwester
hatten ihr angeboten, sie zu einem kurzen Besuch in die
Missionsstation zu begleiten, doch Isabel hatte dankend
abgelehnt. Sie wollte sich selbst ein Bild machen, und dazu
gehörte, dass sie einige Tage dort bleiben würde. Womöglich
würde sie dann besser mit allem abschließen können und sich
darüber klarwerden, was sie nun mit ihrem Leben anfangen
wollte.

Sie drängte die aufsteigenden Tränen zurück, die ihr bei den
Gedanken an Conrad gekommen waren, und trat einen Schritt
auf den Vogel zu. Er war drollig anzusehen, wie er da auf
seinem Wedel von einem krallenbewehrten Fuß auf den
anderen stieg und sie mit kohlschwarzen Augen unverwandt
ansah.

"Na, du." Vorsichtig hielt sie dem Tier die Hand hin. "Du bist
ja ein Hübscher."

Der Vogel legte den Kopf schräg und richtete seine gelbe
Federhaube ruckartig auf.

"Passen Sie lieber auf, Schwester Ma-"

Aber da ruckte der scharfe Schnabel des Vogels auch schon
vor und biss sie in den Zeigefinger. Es war eher der Schreck als
der Schmerz, der sie aufschreien ließ.

Bruder Lorenz war untröstlich. "Das tut mir furchtbar leid,
Schwester Maritz! Der Vogel ist sonst nicht so angriffslustig,
aber seit Bruder Felby von uns gegangen ist ... Außerdem
kennt er fast nur Männer, und ... O je, Sie bluten!"

"Ist schon gut, Bruder Lorenz", beruhigte Isabel ihn. Aus der
Spitze ihres Zeigefingers quoll tatsächlich ein wenig Blut - der
kräftige Vogelschnabel hatte ganze Arbeit geleistet.

"Kommen Sie, ich kümmere mich darum!", sagte Bruder
Lorenz. "Und dann zeige ich Ihnen, wo Sie wohnen werden."



()

Gellendes Vogelgeschrei schrillte wie ein Alarm durch Isabels
Gehirn, hinter ihren Lidern pochte es. Sie schlug die Augen auf.
Sonnenlicht schien in den Raum, durch das helle Netz sah sie
alles wie durch einen feinen Nebel. Koki saß auf der hölzernen
Umrandung ihres Bettes, zupfte am Moskitonetz und fand
offenbar, dass es für sie Zeit zum Aufstehen war.

Vorsichtig richtete sie sich auf. Noch immer trug sie ihr
gelockertes Korsett mit der geöffneten Bluse darüber und den
langen Rock. Sie fühlte sich noch ein wenig matt, aber die
große Schwäche in ihren Gliedern und die Fieberschauer
waren verschwunden. Die ganze Nacht hatte sie in diesem
Dämmerzustand zwischen Wachen, Schlaf und Traum gelegen.
Sie erinnerte sich nur noch an die schreckliche Hitze, die in
ihrem Körper getobt hatte, an Schwitzen und Zittern und ein
Gefühl von Krankheit. An Bruder Lorenz, der ihr Wadenwickel
anlegte. An unruhige Träume von Conrad und den
Missionsbrüdern.

Ein dringendes Bedürfnis riss sie aus ihren Erinnerungen.
Noch leicht zittrig schlug sie das Moskitonetz beiseite und stand
auf. Koki flatterte durch das geöffnete Fenster davon. Ein
hastiger Blick unter das Bett zeigte ihr, dass dort kein Nachttopf
stand, und auch sonst war keiner zu finden, wie eine kurze
Suche ergab. Sie würde zum Abtritt gehen müssen. Auch wenn
sie völlig verschwitzt war - sich waschen und die Wäsche
wechseln konnte sie später. Jetzt musste sie erst einmal den
Forderungen ihres Körpers nachgeben.

Schnell schloss sie Korsett und Bluse, richtete flüchtig ihre
Haare und machte sich dann daran, rückwärts die wackelige
Leiter aus der Hütte hinabzusteigen. Sie atmete auf, als sie
wieder auf festem Boden stand, dann eilte sie zu dem hinter ein
paar Bäumen stehenden Abtritt. Bei Herrn von Faber war dieser
Ort wesentlich luxuriöser gewesen; er hatte sogar ein
Wasserclosett.

Der Wald war schon voller Leben. Durch die dampfende Luft
des Morgens klang der Gesang der Zikaden, über ihr in einer
Bananenpalme zeterten und zwitscherten ein paar bunte Vögel.
Weiße und bunt gefleckte Orchideen mit kleinen Blüten wanden
sich in Spiralen um einen Baumstamm. Ein Windhauch fuhr
raschelnd durch die Palmenkronen, und vom Strand her waren
die Schreie von Seevögeln und das leise Rauschen der
Brandung zu hören. Es war wunderbar friedlich, geradezu
paradiesisch.

Bis sie sah, dass die Tür des Vorratsschuppens, einer
Pfahlhütte aus vorgefertigten Brettern mit einem Wellblechdach,
offenstand.

Sie ging ein paar Schritte näher. Als Bruder Lorenz ihr
gestern das Dorf und die Missionsstation gezeigt hatte, war
diese Tür mit einem eisernen Schloss abgesperrt gewesen, da
war sie sich ganz sicher. Hatte er ihr nicht erzählt, dass es
immer wieder zu Diebstählen kam? War dort etwa jemand
eingebrochen?

Hilfesuchend sah sie sich um. Niemand war zu sehen, nur
aus der kleinen Missionskirche erklang der Gesang der
Morgenandacht. Sollte sie Alarm schlagen? Aber womöglich
hatte nur einer der Brüder vergessen, die Tür wieder zu
schließen.

Sie atmete tief durch, dann kletterte sie zögernd die Leiter
zum Vorratsschuppen hinauf und schaute durch die geöffnete
Tür. Leise Geräusche waren zu vernehmen, etwas wie ein
Rascheln und Kratzen. Ein Tier?

"Ist da jemand?", fragte sie, aber es kam so gedämpft aus
ihrer Kehle, dass sie sich selbst kaum hörte.

Sie trat einen vorsichtigen Schritt näher, hinein in den
Schuppen, und lugte um die Ecke. Und sah einen
Einheimischen, mit dem Rücken zu ihr und nur mit einem roten,
bis zum Knie reichenden Lendentuch bekleidet, der soeben ein
Bündel auf seine Schulter lud.

"Halt, stehenbleiben!", entfuhr es ihr, vor Schreck und
Empörung auf Deutsch. "Was tust du da? Yu ... yu mekim
wanem? Slipim!
" Leg das hin!

Ob er ihr geradebrechtes Pidgin verstand? Viele der
Eingeborenen von Simbang sprachen nur das hiesige Jabim.
Sie musste unbedingt nach Hilfe rufen! Hoffentlich war jemand
in der Nähe, der ihr helfen konnte!

"Help! Stilman!", kam es krächzend aus ihrer Kehle. Hilfe, ein
Dieb!

Der Mann ließ seine Beute sinken und drehte sich gelassen
um. Er sagte kein Wort, sah sie nur an und trat auf sie zu.

Er war jung, ungefähr in ihrem Alter, mit ebenmäßigen, fein
geschnittenen Zügen, die nur wenig von der landestypischen
Physiognomie aufwiesen. Seine schwarzen Haare waren in
eine Vielzahl fingerlanger, bleistiftdünner Strähnen gedreht, die
störrisch in alle Richtungen abstanden, und für einen flüchtigen
Moment glaubte sie seine Augen blau schimmern zu sehen.
Doch so ansehnlich er auch war - es war kaum zu leugnen,
dass er hier eingebrochen war und ihre Vorräte stehlen wollte.

Isabel wich einen Schritt zurück, ihr Herz klopfte laut. O Gott,
was tat sie nur hier? Wenn er sie jetzt angreifen würde

"Bleib bleib stehen! Stopim! Oder no no "

"No wanem?", fragte er, weniger drohend als vielmehr
amüsiert.

"Oder no ... mi holim wanpela polis!"

"Wanpela polis?", wiederholte er. "Was wollen Sie denn
damit ausdrücken? Dass Sie die Polizei holen wollen? Dann ist
das nicht richtig. Pela benutzt man nur, wenn etwas gezählt
werden kann. Polizei ist ein Begriff, der ohne Zählung steht."

Isabel starrte ihn mit offenem Mund an. Nur verzögert
registrierte sie, dass er Deutsch mit ihr gesprochen hatte. Ohne
den Hauch eines Akzents.

"Sie sind Deutscher?", fragte sie verblüfft - und kam sich
im nächsten Moment ausgesprochen dämlich vor. Auch wenn
er keinen dieser hässlichen Nasenpflöcke wie die Jabim trug:
Besonders deutsch sah er wirklich nicht aus.

"Nun ja, nicht ganz", sagte er dann auch. "Aber das ist eine
lange Geschichte. Ich heiße Noah." Er streckte ihr die Hand hin.

Isabel zögerte. Nur weil er Deutsch sprach, hieß das nicht,
dass er kein Dieb war. "Was tun Sie hier?"

Er ließ seine ausgestreckte Hand wieder sinken. "Zumindest
nichts stehlen, wie Sie glauben. Genau das Gegenteil ist der
Fall: Ich bringe etwas." Er deutete auf ein Regalbrett, wo Isabel
jetzt einige Vogelkadaver und eine ihr unbekannte,
kinderkopfgroße Frucht erkannte. "Ich habe ein paar Tauben für
die Mission geschossen."

Er nahm die Frucht, die Isabel entfernt an eine Ananas
erinnerte, und reichte sie ihr. "Können Sie das kurz mal halten?"
Dann griff er nach einem Gewehr, das aufrecht am Regal
lehnte, und hängte es sich an einem Lederriemen über die
Schulter. "Nach Ihnen."

Die schwere Frucht in einer Hand, trat Isabel aus der Hütte
und kletterte ungelenk die Leiter hinab. Verschwitzt,
ungekämmt und in zerknitterter Kleidung, fühlte sie sich zutiefst
unwohl. Allerdings war dieser junge Mann mit seinem roten
Lendentuch auch nicht wirklich angemessen gekleidet. Was ihm
allerdings nicht das Geringste auszumachen schien. Während
er die Tür mit dem eisernen Schloss absperrte, wagte sie einen
flüchtigen Blick. Er war hochgewachsen, sein Körper - Isabel
kam nicht umhin, es zu bemerken - schlank und wohlgeformt,
und seine Haut war von einem hellen Braun mit einem leichten
Bronzeton. Wie schwarzer Tee mit einem Schuss Milch. Seinen
linken Oberarm umschloss ein Band aus winzigen
Kaurimuscheln, in dem ein kurzer knöcherner Dolch steckte,
und um den Hals trug er einen kleinen Beutel.

"Mi bai singautim polis", sagte er, sobald er auf festem Boden
stand.

"Wie bitte?"

"Das wäre die richtige Formulierung", erklärte er, während er
den Schlüssel in dem Beutelchen verstaute. "Sofern Sie immer
noch die Polizei holen wollen."

Isabel spürte, wie sie bis unter die Haarwurzeln errötete.
"Nein, nein - das wird wohl nicht nötig sein." Der Anblick seiner
nackten Haut war ihr unangenehm, und jetzt schwappte auch
noch eine weitere Woge von Hitze durch ihren Körper. Ob sie
wieder Fieber bekam? Vor lauter Scham wusste sie nicht,
wohin sie schauen sollte. Sie sah kurz in sein Gesicht und
senkte dann wieder den Blick zu Boden, bis sie nur noch seine
bloßen, staubigen Füße vor sich hatte. Dann räusperte sie sich.

"Herr ... Noah, ich wollte -"

"Nur Noah, mehr nicht", unterbrach er sie.

"Es ... es tut mir leid, dass ich Sie fälschlich beschuldigt
habe", beendete sie ihren Satz.

"Schon vergessen, Fräulein Maritz."

Vor Überraschung blickte sie nun doch auf. "Sie kennen
meinen Namen?"

Er lächelte und zeigte dabei zwei Reihen weißer Zähne -
offenbar schien er sich nichts aus dem Betelkauen zu machen.
"Conrad hat mir von Ihnen erzählt. Und mir Ihr Bild gezeigt."

"Mein Bild?" Für einen Moment war sie wie vor den Kopf
gestoßen, dann begriff sie. "Sie Sie haben mit Conrad
zusammengearbeitet!", entfuhr es ihr. "Ich meine natürlich ... mit
Bruder Felby."

Jetzt fiel ihr wieder ein, dass Conrad in einem seiner Briefe
einen jungen Dolmetscher erwähnt hatte, der ihm bei den
Übersetzungen in die Jabim-Sprache half. Erneut blickte sie
auf. Sie hatte sich nicht getäuscht: Er hatte tatsächlich blaue
Augen. Ein dunkles, ins Indigo gehende Blau. Zusammen mit
seiner helleren Hautfarbe, seinen eher europäischen als
papuanischen Gesichtszügen und dem fließenden Deutsch
legte das alles nur einen Schluss nahe: Er war ein Mischling,
ein sogenannter Halbweißer, Nachkomme eines weißen Vaters
und einer einheimischen Mutter. In den Kolonien kam es immer
wieder vor, dass europäische Männer eingeborene Frauen
ehelichten.

"Ihr Vater ist Deutscher?", fragte sie, bevor sie sich
zurückhalten konnte.

"Möglicherweise", erwiderte er zu ihrer Überraschung.
"Zumindest spricht einiges dafür. Ich kenne meine Eltern nicht."

"Das tut mir leid."

"Wieso? Sie können doch nichts dafür. Ich bin ein Findelkind,
hier in Simbang aufgewachsen. Paul - ich meine, Pater Lorenz
- hat mich aufgezogen."

Ein durchdringendes Geschrei unterbrach ihn. Er drehte sich
um und deutete auf eine Palme schräg hinter Isabel, wo der
weiße Kakadu auf einem Wedel saß. "Sehen Sie, wer da sein
Frühstück haben will? Das kleine Biest ist ganz wild nach
Pandanusfrüchten. Koki, sei nicht so ungeduldig!"

Aus der Frucht, die Isabel ihm reichte, brach er ein paar
kleine, feste Samenkapseln ab und streckte zwei davon Isabel
entgegen.

"Nehmen Sie. Wenn Sie sie ihm hinhalten, wird er Ihnen aus
der Hand fressen."

"Lieber nicht", gab sie kopfschüttelnd zurück und wackelte
mit ihrem bandagierten Zeigefinger. "Er hat mich gestern schon
gebissen."

Noah hob die Schultern und stieß dann unvermittelt einen
kurzen, scharfen Pfiff aus. Lautes Gekrächze und "Isa, Isa"-
Rufe ertönten, dann kam der Kakadu mit langsamen
Flügelschlägen herangeschwebt. Noah verzog kurz das
Gesicht, als der Vogel auf seiner nackten Schulter landete und
ihm dabei die Krallen in die Haut bohrte, hielt aber still, als das
Tier begann, den Kopf mit der Federhaube an seiner Wange zu
reiben. Leise sprach er mit ihm, in einer tiefen, rollenden
Sprache, die Isabel nicht verstand, und hielt dem Tier eine der
grüngelben, pfenniggroßen Samenkapseln hin. Koki beäugte
sie mit seitlich geneigtem Kopf, öffnete den gekrümmten
Schnabel und nahm den Leckerbissen geradezu vorsichtig aus
Noahs Fingern. Dann flog er davon, um sich gleich darauf in
seiner Palme niederzulassen, wo er seine Beute mit einem Fuß
festhielt und geschickt mit dem Schnabel zu bearbeiten
begann.

Isabel lächelte - und legte hastig die Hand auf ihren Bauch,
als ihr Magen ein ungebührliches Knurren hören ließ.

Auch Noah hatte es offenbar gehört. "Sie haben sicher noch
nicht gefrühstückt", sagte er. "Möchten Sie vielleicht mitkommen
und mit mir und den Kostschülern essen?"

"Oh, nein. Nein, danke. Das ist sehr nett von Ihnen, aber ...
ich muss mich unbedingt frisch machen und ..." Sie
verstummte. Sie empfand es als unpassend, einem Mann zu
erzählen, dass sie sich neu ankleiden musste.

"Das brauchen Sie nicht", widersprach er. "Sie sehen auch
so schon reizend aus."

Erneut stieg ihr die Hitze ins Gesicht. Dass er sich nach dem
peinlichen Missverständnis von vorhin jetzt erneut über sie
lustig machte, war entschieden zu viel. "Nein, wirklich nicht",
gab sie eisig zurück. "Auf Wiedersehen."

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte sie sich
um und schlug eilig den Weg zu Conrads Hütte ein, wohl
wissend, dass er sie dabei beobachtete. Die Aufregung
verkrampfte die Muskeln ihres schwachen rechten Beins und
ließ sie in ein leichtes Hinken fallen, so sehr sie sich auch
bemühte, es zu verhindern.

Sie war so damit beschäftigt, ihren Gang nicht gar zu
ungeschickt aussehen zu lassen, dass sie fast schon Conrads
Hütte erreicht hatte, bis ihr etwas auffiel. Ihre Schritte wurden
langsamer.

Was hatte Noah da gerade erzählt - er sei ein Findelkind und
hier aufgewachsen? Sie schüttelte den Kopf. Die
Missionsstation Simbang war doch erst vor fünf Jahren
gegründet worden. Kurz nachdem in Kaiser-Wilhelms-Land die
deutsche Flagge gehisst worden war.

Sie runzelte die Stirn. An Noahs Geschichte konnte etwas
nicht stimmen.