Leseproben aus "Die irische Rebellin"


1. Kapitel


"Aufgeregt, mein kleines croppy-Mädchen?"

"Nenn mich nicht so. Nicht mal im Spaß." Ich runzelte die Stirn, obwohl aus Allans Mund sogar diese verächtliche Bezeichnung nett klang.

Unser Wagen holperte über das Kopfsteinpflaster, die Luft trug den Geruch des Flusses mit sich. Als wir an einem Schneiderladen vorbeikamen, warf ich einen Blick in die hohen Glasfenster. Seit ich mein Zuhause verlassen hatte, trug ich keine Haube mehr. Mit ihr hatte ich nicht nur ein Stück Stoff abgestreift, sondern auch mein bisheriges Leben. Auf Allans Vorschlag hin hatte ich mir heute ein Band in dem verbotenen Grün in die Haare gebunden, die sich jetzt in kupfernen Wellen darum lockten. Jetzt hätte ich es am liebsten wieder gelöst.

"Du kannst ganz beruhigt sein." Allan lehnte sich auf dem Kutschbock zurück. "Siehst du hier irgendwo einen Rotrock?"

Ich war nicht überzeugt. "Warum muss das Treffen unbedingt in einer Stadt stattfinden, in der eine englische Garnison stationiert ist?"

"Weil hier der größte Zweig der Wexford-Defenders zusammenkommt. Der Captain ist ein Freund von mir. Er wird dir gefallen."

Ich nickte ergeben. Diese Sprüche kannte ich mittlerweile zur Genüge, und mir schwirrte schon der Kopf von all den Personen, die ich in den vergangenen Wochen kennengelernt hatte.

Der Marktplatz barst vor Menschen. Padraic und Diarmuid waren vom Wagen gesprungen und sorgten mit lautem Rasseln für Platz und Aufmerksamkeit. Neben Kniehosen und meist zum Zopf gebundenen Haaren sah ich viele lange Hosen im Stil der französischen Sansculotten und einmal sogar eine rote Jakobinermütze. Karren mit Bierkrügen drängten sich zwischen den Ständen von Händlern und Handwerkern, die Luft hallte wider von Rufen und Stimmengewirr, ringsum lagen oder hingen Flugblätter. Allan lenkte den Wagen neben den Stand eines Tuchhändlers, wo ihm Padraic ein Flugblatt reichte.

"Das ist wirklich gut."

"Was steht drauf?", fragte ich neugierig.

"Ein gelungenes Pamphlet auf König George und seine Niederlage in den amerikanischen Kolonien." Allan griff nach seiner Flöte und gab mir die bodhrán. "Ich lese es dir nachher vor."

Bereitwillig folgte ich dem Takt, den er mit dem Fuß vorgab. Während Padraic in die Menge eintauchte, begannen Warren und Barry zu unseren Klängen mit einem kurzen Schaukampf. Ich beugte mich ein wenig vor, um die Menschen zu beobachten, die mittlerweile in einem großen Halbkreis um uns herumstanden. Ein paar schmutzige Kinder drängten sich nach vorne, um besser sehen zu können. Mit großen Augen verfolgten sie, wie die Akrobaten durch die Luft wirbelten und genau vor ihnen zum Stehen kamen. Verhaltener Beifall ertönte, und als gleich darauf Diarmuid seine Jonglierkünste zeigte, strömten noch mehr Leute auf den Platz. Etwas abseits erkannte ich Padraics hellroten Haarschopf. Neben ihm stand ein junger Mann, der angeregt mit ihm sprach, ohne sonderlich auf unsere Vorstellung zu achten. Seine Kleidung war die eines Arbeiters, mit Hosen bis zu den Knöcheln und weitem Hemd ohne Weste. Aber er hätte in Lumpen gekleidet sein können und wäre mir dennoch sofort aufgefallen. Mit seinen dunklen Haaren und der leicht gebräunten Haut hätte er ebenso gut auf ein fremdländisches Piratenschiff gepasst.

Jetzt schaute Padraic auf und deutete auf mich. Mit einem verstohlenen Lächeln senkte ich den Kopf über die bodhrán und versuchte, mein plötzlich aufgeregt klopfendes Herz zu beruhigen und nicht aus dem Takt zu geraten. Als ich wieder aufblickte, waren beide Männer verschwunden.

Seufzend riss ich mich zusammen, denn als Nächstes hatte ich meinen Auftritt. Für heute hatte ich ein caoine ausgewählt, ein gälisches Lied über den Kampf unseres Volkes gegen das englische Joch. Allans Finger perlten dazu über die Harfe, und während ich sang, hielt ich hoffnungsvoll Ausschau. Ich hatte Glück. Mein ‚Pirat' lehnte an einem Getreideschuppen und hörte mir sichtlich interessiert zu. Als sich unsere Blicke trafen, neigte er den Kopf und lächelte. Meine Stimme schwankte leicht, fast hätte ich meinen Text vergessen, und mir wurde plötzlich ganz warm.

Nach dem Beifall griff ich nach dem Hut, mit dem ich unser Geld einsammelte, und kletterte vom Wagen. Während Barry einige weitere akrobatische Kunststücke zum Besten gab, konnte ich meine Ungeduld kaum bezähmen, denn ich wollte diesen Mann unbedingt kennenlernen, mit ihm sprechen, seine Stimme hören. Ich war reichlich zittrig, als ich ihn endlich erreicht hatte. Er war mittelgroß, und sein Hemd war aus grobem blauem Wollstoff, einfach, aber gut gearbeitet. Das dichte schwarze Haar, das ziemlich nachlässig im Nacken zusammengebunden war, fiel ihm tief in die Stirn und verlieh ihm etwas Jungenhaftes. Er sah einfach umwerfend aus.

"Ihr habt eine schöne Stimme, a chailín dhas", sagte er und warf einen Sixpence in meinen Hut. Seine dunklen Augen funkelten amüsiert, als ich mich verlegen bedankte. Mehr fiel mir nicht ein. Alles, was ich ihn hatte fragen wollen, war wie von einer großen Hand weggewischt.

Dann hörte ich Pferdegetrappel, und nur Sekunden später ritten mehrere englische Soldaten auf den Platz. Ihre scharlachroten Röcke mit den Goldlitzen leuchteten in der Sonne, die Hufschläge hallten dumpf auf dem Pflaster. Augenblicklich erstarb jedes Gespräch, Stille trat ein. Auch Barry unterbrach sein Spiel und zog sich eilig zurück.

Hatte mein Herz eben noch freudig geklopft, so hämmerte es jetzt laut vor Angst. So unauffällig wie möglich zog ich mir das grüne Band aus dem Haar und ballte es zusammen. Dann spürte ich, wie es mir aus der Hand genommen wurde. Bevor ich etwas einwenden konnte, hatte mich mein Gegenüber schon mit sich gezogen.

"Hierher. Und keinen Laut!"



*


5. Kapitel



Die Strecke erschien mir endlos. Ich hielt mich dicht hinter Cyril, der seinen Bruder stützte. Jeder Schatten ließ mich zusammenzucken, in jeder roten Beere, jeder weißen Blüte am Wegesrand glaubte ich eine Uniform der Rotröcke zu erblicken. Noch immer schallten Schüsse von Vinegar Hill; wenn ich zurückschaute, sah ich kleine Rauchwolken von dort aufsteigen. Connell schwieg, offensichtlich darauf bedacht, seine Kräfte zu schonen. Als wir endlich die ersten Häuser erreichten, lehnte er sich erschöpft gegen eine Wand und schloss die Augen. Unter seiner Sonnenbräune war er aschfahl, er sah aus, als würde er gleich ohnmächtig werden.

"Er schafft es nicht noch weiter", sagte ich und versuchte, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken. Es gelang mir nicht besonders gut. "Woher wollen wir jetzt Pferde bekommen?"

Im ersten Moment wirkte der äußere Bereich von Enniscorthy wie ausgestorben. Vor uns erstreckte sich eine schmale, leicht ansteigende Häuserreihe, einige Fassaden waren rauchgeschwärzt. Noch immer hing leichter Brandgeruch in der Luft. Dann trug ein Windhauch ein schwaches Wiehern zu uns.

Cyril hob den Kopf wie ein Tier, das Witterung aufnimmt. "Vielleicht hat sich die Sache soeben geklärt."

Ein vorsichtiger Blick um die Ecke zeigte uns einen großen, mit einer grauen Plane bedeckten Wagen, das Pferd davor war angeschirrt. Der Besitzer war damit beschäftigt, einen Ballen Tuch auszuladen. Trotz der vereinzelten Schüsse, die auch hier noch zu hören waren, ging er offenbar unbeeindruckt seinen Geschäften nach.

Sobald der Mann in einem Haus verschwunden war, liefen wir zum Wagen. Ich half Connell hinein, dann kletterte ich hinterher.

"Kümmert Euch um ihn", sagte Cyril. "Ich gehe nach vorne und -" Er hielt inne und stieß einen leisen Fluch aus. Im nächsten Augenblick war er neben mir und zog die Plane von innen herab. Ein Knacken ertönte, als er den Hahn seiner Pistole spannte. Wenige Sekunden später erkannte ich den rhythmischen Klang vieler Stiefel - ein Geräusch, das ich schon viel zu oft gehört hatte. Die Schritte näherten sich, wurden lauter, bis sie direkt neben mir waren. Durch ein kleines Loch in der Plane konnte ich schemenhaft vorbeihuschende Gestalten in Rot erkennen. Angstvoll kauerte ich mich zusammen und wagte kaum zu atmen, bis ein Schaukeln andeutete, dass jemand auf den Kutschbock stieg. Der Besitzer des Wagens war zurückgekehrt. Er rief den Soldaten etwas zu, dann fuhr der Wagen mit einem Ruck an.

"Was ...?", begann ich, aber Cyril brachte mich mit einer Handbewegung zum Schweigen. Es war zu spät, aus dem Wagen zu gelangen, ohne der Patrouille in die Arme zu laufen.

Während die Schritte der Soldaten in der Ferne verhallten, streckte ich vorsichtig meine Beine aus. So übel war unsere Lage gar nicht. Wahrscheinlich kamen wir auf diese Weise sogar leichter aus der Stadt heraus.

Die Räder knirschten auf der sandigen Straße. Durch die Plane fiel genug Licht, um Dutzende Ballen von Stoff und Tuch zu erkennen, die hier aufeinandergestapelt lagen. In einer Ecke türmten sich Säcke mit Tee und getrockneten Lebensmitteln, weiter hinten lagen Taschentücher und Strumpfbänder. Unser Fahrer war offenbar ein wohlhabender Kaufmann.

Connell lehnte mit geschlossenen Augen an der Holzwand, mit der das Wageninnere bis zur halben Höhe ausgekleidet war. Obwohl er keinen Laut von sich gab, sah ich ihm an, dass ihm das Rütteln des Wagens Schmerzen bereitete. Cyril saß uns gegenüber, die Pistole noch immer schussbereit. Im Schatten seines Hutes konnte ich seine Augen nicht sehen, aber ich war mir sicher, dass er Connell beobachtete. Der Klang der Räder veränderte sich, als wir über Kopfsteinpflaster fuhren. Die Brücke über den Slaney konnte nicht mehr weit sein.

"Halt! Wohin wollt Ihr?"

Ein eisiger Schrecken durchfuhr mich. Man hatte Soldaten an der Brücke postiert!

Der Wagen kam zum Stehen. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel und hielt die Luft an. Mein Herz raste, meine Finger schlossen sich um Connells Hand, die feucht war von Blut oder Schweiß. Wir hatten schon zweimal großes Glück gehabt; ein drittes Mal würden wir bestimmt nicht so glimpflich davonkommen. Jeden Augenblick erwartete ich, dass die Plane fortgezogen und ein Musketenlauf hereingeschoben werden würde. Cyril hatte die Pistole auf den Eingang gerichtet.

"Nach Dublin", hörte ich den Mann auf dem Kutschbock erwidern. "Zum Teufel, Sergeant, was soll das hier werden? Seit wann wird die Brücke kontrolliert?"

"Ach, Ihr seid es, Mister Bannister", sagte der Soldat. "Nichts für ungut, Sir, aber wir haben Befehl, jeden anzuhalten, der die Stadt verlassen will. Ich nehme an, Euch ist niemand von den Aufständischen begegnet?"

"Von diesem Gesindel? Ganz sicher nicht, so wahr ich hier sitze", sagte unser Mann. "Ist es Euch endlich gelungen, dieser papistischen Bande den Garaus zu machen? Hat ja eine mächtige Schießerei auf dem Hügel gegeben! Hörte sich an, als wäre die ganze Armee der Krone dort versammelt!"

Der Soldat lachte grimmig. "Wie wäre es, Mister Bannister? Habt Ihr noch etwas von dem guten Schnupftabak übrig, den Ihr letztens so freundlich wart, mir zu überlassen?"

Der Kaufmann knurrte einen Laut der Zustimmung. Erschreckt sah ich eine fleischige Hand unmittelbar neben mir zwischen den Tuchballen herumtasten, bis sie sich mit einem verschnürten Päckchen zurückzog.

"Ihr macht mich noch arm, Sergeant", knurrte der Kaufmann. Ein leises Geräusch deutete an, dass er dem Soldaten das Päckchen zugeworfen hatte. "Mit den besten Empfehlungen an Eure Gattin."

"Verbindlichsten Dank, Sir. Ich wünsche gute Fahrt. Aber seid auf der Hut, es könnte sein, dass sich noch ein paar von diesen croppies in der Gegend herumtreiben."

Der Wagen rollte wieder an, die Räder ratterten über die unebenen Steine der Brücke. Ich seufzte unhörbar auf, und auch Cyril ließ die Pistole sinken. Der Herrgott meinte es gut mit uns. Wir waren endlich aus Enniscorthy heraus.