Epilog (zu "Im Tal des wilden Eukalyptus")

Frühjahr 1808

Ann McIntyre sah aus dem Fenster ihres vornehmen
Stadthauses hinaus auf die Straße, wo die weißblühenden
Birnbäume einen herrlichen Anblick boten. Seit fünf Jahren
lebten sie hier in Baltimore, einer aufstrebenden Hafenstadt an
der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika - kein
Vergleich zu den ärmlichen Ansiedlungen von Sydney oder gar
Toongabbie.

Ann war jetzt vierundzwanzig und die Gattin eines
angesehenen Arztes. Niemand wäre auf die Idee gekommen,
dass sie einst ein Sträfling gewesen war. Ihre Ehe war kinderlos
geblieben. Nach einigen Versuchen, die nicht zum
gewünschten Erfolg geführt hatten, hatte ihr Gemahl alle
weiteren diesbezüglichen Anstrengungen aufgegeben. Ann war
es recht. Sie mochte Kinder sowieso nicht sonderlich.
Erneut blickte sie aus dem Fenster, und diesmal sah sie
Alistair mit seinem Gast näherkommen. Da das Dienstmädchen
freihatte, schaute sie selbst ein letztes Mal nach dem
Hähnchen, das im Ofen vor sich hinbruzzelte und einen
köstlichen Duft verströmte, dann trat sie in die Diele. Sie
öffnete, bevor ihr Gemahl klingeln konnte - wie so oft hatte er
wieder seinen Schlüssel vergessen.

Vor kurzem hatte Alistair mit ein paar Kollegen die erste
öffentliche medizinische Hochschule der Vereinigten Staaten
gegründet. Bislang hatten sich fünf Studenten eingeschrieben.
Einer davon war der junge Mr Marconi, Sohn italienischer
Einwanderer - nicht vermögend, aber sehr lernbegierig. Alistair
brachte ihn zuweilen zum Mittagessen mit. Wie auch heute.
Es hatte eine Weile gedauert, bis Ann eingefallen war, an
wen der junge Mann sie erinnerte. Aber dann wusste sie es:
Dunkelhaarig, schlank und gutaussehend hatte er eine gewisse
Ähnlichkeit mit Duncan O'Sullivan, dem ehemaligen Sträfling,
der genau wie sie selbst früher bei ihrem Gemahl gearbeitet
hatte. Duncan, dessen Sohn sie beinah als eigenes Kind
aufgezogen hätte. Wenn nicht etwas dazwischen gekommen
wäre.

Als sich alle zu Tisch begaben und Ann das Essen auftrug,
kehrten ihre Gedanken zurück an Bord der Zeelandia, kurz
nach der Abfahrt aus dem Hafen von Port Jackson. Alistair
hatte sich nur kurz vergewissert, dass alles gut untergebracht
war und es Henry an nichts fehlte, dann war er an Deck
gegangen. Ann musste unten bei dem Kind in der Kabine
bleiben.

Sie hatte es dort unten nicht ausgehalten. Für einen
entsetzlichen Moment überkam sie Panik. Das Schwanken des
Schiffes, der abgeschlossene, düstere Raum ohne Tageslicht,
all das rief in ihr erneut die Erinnerung an die Reise mit der
Minerva zurück, als man sie gemeinsam mit vielen anderen
Sträflingen nach Neusüdwales gebracht hatte. Außerdem
begann Henry wieder zu schreien. Schon in Toongabbie hatte
er stundenlang geschrien, seit Alistair der Amme gekündigt
hatte, und war nur durch ein paar Tropfen Laudanum
ruhigzustellen gewesen.

Sie war geflohen. Hatte die Laterne genommen, Henry
alleingelassen und sich in eines der oberen Decks
zurückgezogen. Nur für ein paar Augenblicke. Nur bis der
Kleine endlich wieder still war.

Als sie nach einer Weile wieder zurückkam, war das
Schreien verstummt. Erleichtert öffnete sie die Kabinentür -
und sah sich zu ihrem entsetzlichen Schrecken einem Wilden
gegenüber. Im ersten Moment glaubte sie, es wäre ein
halbwüchsiger Junge, bis sie erkannte, dass es das
unheimliche Eingeborenenmädchen war, das sie früher
manchmal in Toongabbie gesehen hatte.

Anns Schreck war so groß, dass sie nicht einmal schreien
konnte. Und selbst wenn sie es gewollt hätte - sie hätte es
nicht gekonnt. Die Augen des Mädchens fixierten sie,
nachtschwarz wie zwei Stück Kohle, lähmten ihre Zunge und
jede ihrer Bewegungen. Möglicherweise sagte das Mädchen
auch noch etwas, aber hören konnte sie nichts. Sie stand völlig
starr, nur ihr Herz raste wie von Sinnen, und sie war sicher,
gleich zu sterben.

Das Mädchen ließ sie nicht aus den Augen, während es zur
Tür ging, mit Henry auf dem Arm. Erst als die Tür hinter den
beiden ins Schloss fiel, ließ die entsetzliche Anspannung in Ann
nach. Schluchzend sank sie zu Boden und stieß sich dabei die
Wange an der großen Reisetruhe.

Als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, wurde ihr klar, dass
ihr Gemahl ihr niemals glauben würde, was passiert war.
Womöglich würde er sie für ihr Versagen sogar nach Neusüdwales
zurückschicken. Und so hatte sie zu einer Lüge gegriffen und
behauptet, eine ganze Horde von Wilden habe das Kind
gestohlen.

Er hatte es nie in Zweifel gezogen.

"Etwas Brot, Ma'am?", riss sie Mr Marconis Stimme aus ihrer
Erinnerung.

"Danke", murmelte sie und griff in den Brotkorb.

Alistair begann, das Hähnchen zu zerteilen. "Nun,
Mr Marconi", sagte er, während er dem jungen Mann etwas Fleisch
auf den Teller gab, "ein wenig Anatomie. Wie viele Knochen hat
der menschliche Körper, sobald er ausgewachsen ist?"

"Zweihundertundsechs Knochen, Sir", kam es prompt zurück.

"Sehr gut." Alistair nickte zufrieden. "Und aus wie vielen
davon besteht der menschliche Schädel?"

Auch hier wusste Mr Marconi die Antwort - zweiundzwanzig.

Alistair verteilte das restliche Hähnchen, dann setzte er sich.
"Ich glaube", wandte er sich an Ann, während er nach dem Brot
griff, "Mr Marconi wird sein Examen später einmal mit Bestnote
abschließen."

Der junge Mann errötete bis unter die Haarwurzeln. Ann sah,
wie Alistairs Hand wie zufällig seine Finger streiften.

"Da bin ich sicher", sagte sie und lächelte in sich hinein.
Jeder hatte so seine Geheimnisse.